Portrait – Blickraum

Über Portraits, das Sehen und das Sehen des Anderen. 
Die Zweifel beginnen beim Blick, beim Sehvorgang selbst. Sehen wir „Realität“ mit unseren Augen? Oder gibt es einen spezifischen Blickraum, den wir selbst erschaffen?. Diese Fragestellung ist der Ausgangspunkt meiner Arbeit.

Portraitieren / Der „Blickraum“

Das Portraitieren hat eine lange Tradition und viele unterschiedliche Stadien durchlaufen. Einerseits bewege ich mich in dieser Tradition: ich erzeuge Bilder, auf denen die Gesichter verschiedener Menschen zu sehen sind. Die Video-Portraits beispielsweise, zeigen Gesichter in schwarz-weiß, in einer speziellen Lichtsituation und in einem definierten Bildausschnitt.
 In meinen Bildern sind meistens wenig Informationen über die abgebildeten Personen zu finden. Merkmale zu Alter, Herkunft, Sozialstruktur oder Lebensumstände fehlen. Die Bilder taugen daher kaum zur Identifizierung einer Person, als Passfoto beispielsweise. Das Individuelle ist für meine Arbeit in diesem Sinne von geringer Bedeutung.
 Das Infragestellen des Bildes als Beweismittel und als Dokument ist seit langemThema, auch in der Kunst. (Dabei sind die Zweifel am dokumentarischen Wert von Fotos oder Filmen proportional zu den verbesserten Techniken ihrer Herstellung gestiegen.
)

Meiner Ansicht nach jedoch ist die  Beweiskraft eines jeden Mediums zweifelhaft — und das nicht erst in jüngster Zeit. Sei es ein Bild, ein Film, ein Text, ein gesprochenes Wort oder auch nur unsere Erinnerung, sie alle könne trügen.
 Das Dokumentarische ist nie wirklich bestätigt.

Die Zweifel beginnen beim Blick, beim Sehvorgang selbst: Sehen wir „Realität“ mit unseren Augen?
 Oder gibt es einen spezifischen „Blickraum“, den wir selbst erschaffen? Diese Fragestellung ist der Ausgangspunkt meiner Arbeit.

Der Blick, seine Ausrichtung, sein „Raum“ ist eines unserer mächtigsten Werkzeuge, um Realität zu erschaffen.
 Um das zu überprüfen kann der Versuch unternommen werden, in unterschiedlicher Weise auf die Welt zu blicken.

Das Resultat dieses Versuches ist, dass sich die Realität oft so darstellt, wie wir auf sie schauen.
 Niemand von uns hat einen Bewusstseins-Zustand erreicht, der gewährleistet, dass beim Öffnen der Augen die Realität 1:1 ins Bewusstsein einfließt.
 Es ist umgekehrt: wir alle erschaffen uns einen Großteil unserer jeweiligen Realität mit unseren eigenen Blicken, nach unseren spezifischen Blaupausen und Choreografien.
Ich arbeite an Portraits, um diesem Prozess auf die Spur zu kommen und den „Raum“, den jeder Blick aussendet sichtbar werden zu lassen.

Katharina Kohl, 2001

Eröffnungs-Rede von Dr. Barbara Klose-Ullmann Blickraum, pp projects Hamburg, 2009

Ein Gesicht im Dunkeln betrachten

→ Malerei